Leszek Miller: So war das

Als Polen im Mai 2004 in die EU kam, war dies ein wirklich bedeutsamer historischer Schritt. Claus Petersen vom dänischen Fernsehen meinte damals, endlich konnten sie "ihr jahrelanges Gefühl von Scham loswerden." Vergegenwärtigt man sich Polen in den Begrifflichkeiten von Jalta und anderen deutsch - sowjetischen Begehrlichkeiten der letzten Jahrzehnte, ist dieser Satz gut zu verstehen.

Damit dies alles nicht in Vergessenheit gerät, hat Polens Premier Leszek Miller dieses Buch geschrieben, wie er betont in tiefer Dankbarkeit.

In einer Zeit in der die Generation beginnt Verantwortung zu übernehmen, die nicht mehr selbst miterlebt hat wie es ist an Grenzen schikaniert und gedemütigt zu werden, sah Miller es geradezu als seine Aufgabe an, dieses Buch zu schreiben. Er hat dieses bewegende, beinah persönliche Buch im Bewusstsein dessen geschrieben, "dass das, was heute die aktuelle Politik ist, morgen als neuere Geschichte gilt."

So ist denn dieses Buch weit mehr als nur Chronik des Weges Polens in die EU geworden. Miller beschreibt das immer unzufriedener werdende Polen seit den 80 er Jahren. Er geht auf das "Wahlbündnis Solidarnosc" ein, welches der Auftakt für den Untergang der spzialistischen Volksrepublik war.

Ehrlich berichtet Miller aber auch über die Ängste und Strömungen innerhalb seines Landes die nicht für einen Beitritt in die EU waren. Es war längst nicht so, dass alle Polen der EU beitreten wollten. Die Ängste waren groß, einmal mehr über den Tisch gezogen zu werden.

Als der damalige Bundeskanzler Schröder und EU - Kommissar Verheugen von Miller in dessen Haus zu einem privaten Abendessen geladen war, kam es zu einem Wortwechsel, der die Brisanz der jahrelangen Verhandlungen noch einmal dokumentiert, denn Widerstände gab es bekanntlich nicht nur innerhalb Polens:

Miller: "Es gab eine Sekunde, da wollte ich rausgehen und die Tür hinter mir zuschlagen. Ich weiß nur nicht, ob jemand mich gebeten hätte, zurückzukehren. Hättest du mich an die Hand genommen, Günter?"

Verheugen: "Ich weiß nicht. Es hätte eine schreckliche Krise gegeben. Ich kenne Länder, denen euer Abgang aus dem Bella Center zupassgekommen wäre."

Sehr aufmerksam habe ich dieses Buch gelesen. Miller beschreibt deutlich, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen eines Landes, dass viel zu oft in der Geschichte zu den Verlierern gehörte. Leszek Miller macht klar, dass nur die Zusammenarbeit der Völker aus allen Gewinnern machen wird.

Hoffmann und Campe,  ISBN 978-3-455-50192-6, Preis 23, 00 Euro

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