John Niven:  Gott bewahre

Nach wenigen Seiten schon wollte ich diesen Roman hochkant in die Ecke werfen. John Niven benutzt eine brutale Sprache, wenn er beispielsweise Angriffe auf Zivilisten im Vietnamkrieg beschreibt und er spricht fast immer die Sprache von Jugendlichen auf unterstem Niveau, dies kann man auch als Gassenjargon bezeichnen.

Von Seite zu Seite hat mich die Geschichte von der Rückkehr Jesu auf diese Welt dann aber doch gefangen genommen. Wie im Fluge waren dann die 400 Seiten gelesen. Dies spricht für den Autor. In New York beginnt die Geschichte. Gott und Jesus betrachten die Welt und sie sehen, dass sie so schlecht ist wie nie zuvor. Bei einem Abstecher in die Hölle meint Satan zu diesem Thema:

"Ob du's glaubst oder nicht: Ich schätze, dass mir niemand eine größere Hilfe war als diese christlichen Hardliner." (56)

Viel zu sehr ist die Kirche mit sich selbst beschäftigt, immer mehr Gemeinden werden gegründet und oft wird das, was wir Christen als die Nachfolge bezeichnen, vergessen. John Niven erweist sich in diesem Roman als exzellenter Bibelkenner. Deutlich wird dies in vielen Nebenbemerkungen, aber auch in Gleichnissen, die einfach von ihm in unsere Gegenwart transponiert wurden. So weißt Jesus in der Geschichte immer wieder darauf hin, dass er die Aussätzigen liebt. Dazu zählt er heute wie damals Prostituierte, aber auch Schwule und HIV-Infizierte. Für Jesus wird es immer schwieriger zu sagen:

" . . . dann war es ihm schier unmöglich, sich ein weiteres "Denn sie wissen nicht, was sie tun" abzuringen." (86)

Jesus will Aufmerksamkeit. Er will die Menschen erreichen. Aber wie funktioniert das heute am Besten? Er tritt bei der größten Castingshow Amerikas an. Jesus zieht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit seinen Anhängern in einem alten Kleinbus von New York City nach Los Angeles. Ihm gelingt es mit seinem Gesang und mit seiner Gitarre in der Show zu bestehen. Die Einschaltquoten sind so hoch wie nie zuvor und er nutzt seine Auftritte, um zu den Menschen zu sprechen:

"Ihr . . . ihr habt es so weit kommen lassen, dass es Banker gibt, die Hundert - Millionen - Dollar - Boni kassieren, und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die in Pappkartons schlafen und Hundefutter fressen." (276)

Jesus und seine Gefährten versuchen ein Zeichen zu setzen. Sie bauen einen Ort an dem jeder seine Fähigkeiten einbringen kann. Immer wieder geraten sie an Grenzen. Es sind Grenzen und Hindernisse hinter denen der Kleinglaube von Menschen steht:

"Gemeinschaft, denkt Jesus, . . . Das war's was hier unten falschlief: Niemand erkannte mehr den Wert der Gemeinschaft." (137/138)

Natürlich werden die Meinungen der Leser, besonders die der christlichen Leser, über diesen Roman weit auseinander gehen. Man kann John Niven vorwerfen, dass er Jesus zu sehr auf den Slogan "Seid alle lieb" reduziert, aber dazu bringt der Autor auch immer wieder Aspekte in seinen Roman hinein, die uns an unsere ganz persönliche Nachfolge erinnern und versuchen in die Verantwortung zu nehmen.

Ich werde an dieser Stelle natürlich nicht verraten, wie die Castingshow weitergeht. Ob es ein Sieg für ihn wird oder ob er einer erneuten Hinrichtung entgegengeht.

Als Christ stimme ich nicht mit allen theologischen Aussagen von John Niven überein. Dennoch bin ich von diesem Buch begeistert. Der Autor bringt Jesus als Gesprächsthema unter die Leute. Etwas besseres kann nicht geschehen. Und das dieser Roman nicht bei einem frommen Verlag erscheint ist ebenso gut. Bleibt abzuwarten wie die Leser dieses Buch annehmen.

" . . . das ist der Vorteil, wenn man mit Gottes Sohn rumhängt. Er ist immer für ein kleines Wunder gut." (100)

Lange habe ich überlegt ob ich wegen des zum Teil sehr nervigen Gassenjagons nicht die volle Punktzahl vergebe, aber letztlich überwog dann doch meine Begeisterung für diesen Roman. Vielleicht liegen ja auch Chancen in diesem Gassenjagon und das Buch wird unter Jugendlichen zum Renner!

 

Heyne, ISBN 978-3-453-67597-1, Preis 19, 99 Euro

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